Beckenboden To Go – Folge 90: Beckenbodenphysiotherapie bei Kindern mit Astrid Landmesser

Wie bist du darauf gekommen Kinder zu behandeln?

Ich bin Kinder Bobath-Therapeutin und habe lange in einer Körperbehinderten Schule gearbeitet und dort war zum Beispiel Katheter häufig ein Thema. Ich habe dann ja in meiner Praxis mit Beckenbodentherapie für Frauen angefangen und über die Mütter sind dann auch die Kinder zu mir gekommen. Ich habe mich dann auf die Suche nach Informationen zu Beckenbodentherapie bei Kindern gemacht und habe dann letztendlich mein eigenes Konzept in der AG-GGUP (Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie und Proktologie) entwickelt. Und dann habe ich die Konsensgruppe Kontinenzschulung im Kindes- und Jugendalter in Bremen entdeckt. Das ist eine tolle interdisziplinäre Gruppe, die zum Beispiel Kontinenztraining für Kinder und Jugendliche anbietet. Dort bin ich dann mit eingestiegen und habe viele Fortbildungen gegeben. 

 

Wie sollte denn eine „normale“ Entwicklung von Blase und Darm aussehen? 

Wir haben damals lange in der Konsensgruppe diskutiert, ab wann ein Kind kontinent sein sollte und waren erst bei 4 Jahren und dann später auch bei 5 Jahren, weil es eben ein Prozess ist. Für die Entwicklung der Blase gibt es eine Formel, wenn man das Lebensalter eines Kindes mit 30 multipliziert und dann plus 30 rechnet, ergibt sich die Speicherkapazität der Blase. Die Kinder sind wirklich sehr unterschiedlich kontinent, manche mit 2,5 Jahren, die haben vielleicht genau richtig getrunken: morgens und mittags viel und abends wenig. Bei Kindern, bei denen es mit 5 Jahren noch nicht klappt, sollte man sich dann das Miktions- und Trinkverhalten anschauen. Dann gibt es auch die 7-Becher-Regel, dass heißt die Kinder sollten 3 Becher morgens, 3 Becher nachmittags und einen Becher abends trinken. 

 

Wann müsste ein Kind ein Bewusstsein für Harn- und Stuhldrang entwicklen? 

Da ist so unterschiedlich. Es kommt sehr auf das Trinkverhalten an. Manche Kinder haben auch eine Overactive bladder, dass bedeutet, dass die Base sich nicht so schnell ausdehnt und der Blasenmuskel sehr sehr aktiv ist. Kinder mit einer Overactive bladder müssen also sehr häufig und auch nachts auf die Toilette. Bei solchen Kindern kann man durchaus auch mal mit Medikamenten arbeiten, sodass die Blase mehr aufnehmen kann. Mit Medikamenten kann es manchmal sehr viel schneller gehen und man quält die Kinder nicht so sehr nur mit Übungen. 

 

Hat das Einnässen auch eine psychische Komponente?

Die letzten Forschungen zeigen, dass das nächtliche Einnässen bei Kindern keine psychische Störung ist. Es handelt sich um eine Funktionsstörung der Blase. Natürlich passiert die Reife im Miktionszentrum in unserem Kopf und das Großhirn muss auch lernen, dass da ein Reiz für mein Blasensignal ist. Da frage ich die Kinder „wo merkst du, dass du Pipi oder Kacka raus kommt?“. Die Kinder merken das ganz genau. 

 

Ist es manchmal so, dass Kinder den Drang schon merken, aber im Spielen auch einfach keine Lust zur Toilette zu gehen? Ich hatte auch einmal eine Mutter, die hatte das Gefühl, dass ihr Kind das extra macht?

Es gibt bestimmt manchmal den Fall, dass Kinder das extra machen, aber das unterstelle ich erstmal keinem Kind, weil Kindern das normalerweise auch nicht mögen. Es gibt die Möglichkeit bei Kindern, die sehr vertieft in ihr Spielen sind, Vibrationsuhren zu verwenden, die die Kinder an den Toilettengang erinnern. 

 

Schultoiletten sind ja ein häufiges Problem. Was passiert, wenn die Kinder da nicht drauf gehen wollen/dürfen? 

Anhalten. Also entweder verlieren sie Harn und sitzen dann nass in der Schule das ist natürlich auch demütigend oder sie halten zu lange an. Die Kinder entwicklen sehr große Volumina das nennt man dann auch Lazy Bladder. Es ist so wichtig, dass Lehrer*innen die Kinder zur Toilette gehen lassen. 

 

Wenn Kinder den Stuhl sehr lange einhalten, kann es natürlich auch zu Obstipationen kommen. Wenn der Darm nicht regelmäßig entleert wird, dann kommt der Entleerungsreiz immer später und das führt zu Schmerzen beim Entleeren, Fissuren, Hämmohoroiden und im schlimmsten Fall zum Prolaps. Der Stuhl wird dann ja auch sehr fest und dann trauen sich die Kinder erst recht nicht mehr. Da geht nichts ohne Medikamente, weil es so wichtig ist, dass der Darm sich vollständig entleert. 

 

Was es auch noch gibt, ist die Lachinkontinenz. Je nachdem wie die Kinder lachen, kann es sein, dass durch die Schwingungen des Zwerchfells der Beckenboden ausgeschaltet wird. Diese Kinder verlieren wirklich nur beim Lachen Harn und können aber zum Beispiel endlos auf dem Trampolin springen. Es ist wirklich ein Koordinationsproblem zwischen Zwerchfell und Beckenboden. Dann git es auch Kinder, vor allem Mädchen, die sehr viel Sport machen also Trampolin springen zum Beispiel und wenn die dann noch eine kurze Harnröhre haben, kann es sein, dass die auch in jungen Jahren Belastungsinkontinenz haben. Mit den Kindern muss man wirklich den Beckenboden trainieren. 

 

Wie erklärst du einem Kind den Beckenboden? 

Man beginnt damit, dass die Kinder die Knochenpunkte am Becken abtasten. Das Kind erkundet sich selber. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Kinder nicht verstanden haben. Dann bespreche ich mit den Eltern, ob man vielleicht dem Kind einen Spiegel gibt, sodass es sich die Muskulatur mal anschauen kann. Biofeedback ist natürlich auch eine Option, aber dann nur äußerlich. Die Kinder können auch mit der Biofeedback-Kontrolle entspannt das Wasserlassen üben. Da ist die Betreuung von einer Therapeut*in auch sehr wichtig. 

 

Wie bindest du die Eltern ein? 

Im Großen und Ganzen läuft das mit den Eltern gut. Ich nehme immer das Kind in Schutz und bestärke sie. Nach 3 oder 4 Stunden lasse ich die Eltern auch mal draußen sitzen, das kommt immer sehr auf das Kind an. Was auch wirklich super ist, dass die Eltern die Übungen filmen, das funktioniert sehr gut. 

 

Kannst du uns noch etwas zu dem nächtlichen Einnässen erzählen? 

Es kann auch vorkommen, dass das nächtliche Einnässen bei Kindern aufhört und dann irgendwann wieder anfängt. Das hängt mit dem Wachstum zusammen, wenn die Blase eines Kindes wächst und das Kind zu wenig trinkt, kann es periodisch zum Einnässen kommen. Beim nächtlichen Einnässen sind immer drei Komponenten wichtig, hat das Kind genügend altersentsprechende Blasenkapazität? Hat das Kind hat genügend ADH- Hormon, speichert die Blase nachts genug? Und würde das Kind wach werden, wenn nachts der Drang kommt? 

 

Kannst du uns was zu Paruresis sagen? 

 

Paruresis ist ein psychisches Problem, bei dem Menschen nicht auf öffentliche Toiletten gehen können. Bei Mädchen gibt es das manchmal, dass sie nicht auf fremde Toilette gehen können. Dann kommt noch hinzu, dass sie sich nicht auf die Toilette setzen wollen. Da empfehle ich wirklich immer die Brille auszulegen damit die Blase sich einfach entleeren kann und es nicht zu Harnwegsinfekten kommt. Wenn ich da an meine Grenzen komme, verweise ich auch immer an Psychotherapeut*innen. 

 

Du hast die Harnwegsinfekte schon angeschnitten, hat es was mit verschmutzten Toiletten zu tun? 

Nicht unbedingt. Es ist vor allem die fehlende Entleerung. In der Behandlung kommt es dann auch auf eine gute Pflege im Intimbereich an. Bei Frauen ist es ganz wichtig, dass eine gute Barriere vorhanden ist, damit die Infekte auch dadurch besser werden.


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