Beckenboden To Go – Folge 12: Rückbildung für verwaiste Mütter

 

Was bedeutet in diesem Zusammenhang “verwaiste Mütter”?

Verwaiste Mütter ist der Fachbegriff, man nennt sie unter anderem auch Sternenmütter. Das sind Mütter, bei denen das Kind nicht mehr bei ihnen sein kann, weil das Kind vor-, während oder nach der Geburt nach gestorben ist.

 

Warum ist es wichtig, trotzdem über Rückbildung zu sprechen, auch wenn ich in der 16. oder 24. Woche eine stille Geburt hatte?

Mit Tag 1 der Schwangerschaft passieren hormonelle und

strukturelle Veränderungen im Körper. Die bilden sich zwar zu einem Teil alleine zurück, aber das kann man auch gut unterstützen. Gerade bei verwaisten Müttern ist uns wichtig, dass es nicht nur eine bloße Rückbildung ist. Die wäre vermutlich bei einem Verlust in den ersten Wochen nicht zwangsläufig notwendig. Gerade Beckenboden Training kann man immer gut gebrauchen, egal ob vor, während oder nach einer Schwangerschaft. Unabhängig davon, dass die Auswirkung einer Schwangerschaft, je kürzer sie gedauert hat, natürlich nicht ganz so groß sind.

 

Beckenboden Training aus yogischer Sicht ist eine gute Methode, um sich zu erden und kann gerade in der Trauerphase auch gut unterstützen. Beckenboden Training hilft auch dabei, die Körperhaltung, die man während der Trauer einnimmt (gebeugter Rücken, Schulter gehen nach vorne und werden hängen gelassen) sich wieder aufzurichten. Krankheit, Trauer und Tod sind Themen, die so wenig besprochen werden. Von daher ist es super wichtig, dass es Kurse wie den von Jessi gibt.

 

Wie kann ich mir den Kurs bei euch vorstellen? Wie viel Zeit plant ihr für eine Einheit? Wie gestaltet sich der Kurs?

Wir haben das Konzept ins Leben gerufen, weil uns aufgefallen ist, dass diese Angebote regional wirklich sehr spärlich

verfügbar sind. Häufig gibt es Wartelisten, weil es zu wenig Frauen gibt, dies es in Anspruch nehmen. Das heißt es gibt eine Warteliste, bis sich genug Frauen gefunden haben und das macht den Start oft so ungewiss. Das ist kein Zustand. Deswegen habe ich angefangen, meine Rückbildungskurse nur online anzubieten. Ich hatte dann einen Anruf einer Mutter, die mir sagte,

dass sie nicht teilnehmen kann und möchte, weil sie ihr Baby in der 35. Woche in stiller Geburt zur Welt gebracht hat. Da haben wir dann festgestellt, dass es nicht mal in großen Ballungsgebieten genug Angebote gibt.

 

Daher haben wir uns gedacht, dass wenn wir es komplett online machen, dass es mehr Frauen gibt, die sich zusammenfinden. Aktuell sind wir bei 8 Teilnehmerinnen pro Kurs. Beim Trauerbegleitungsteil können auch die Partner*innen teilnehmen, so dass es manchmal mehr Personen sind. Der Kurs geht 8 Wochen lang und wir treffen uns einmal wöchentlich an einem

festgelegten Termin. Aktuell machen wir eine Stunde Trauerbegleitung mit Jeanette, zu verschiedenen Themen. Das können Themen sein wie der Wiedereinstieg in den Job oder das Väter anders trauern, wie geht man mit der Familie und Geschwisterkindern um? Sie hat immer was in der Hinterhand, achtet aber auch darauf, was in dem Kurs gerade aktuelle Themen sind.

 

Danach haben die Teilnehmer*innen eine halbe Stunde nur für sich alleine, in der sie sich über gewisse Themen austauschen können. Anschließend gibt es dann ein Stunde Beckenboden Training mit mir. Das heißt eine Einheit dauert 2,5 Stunden. Aktuell finden alle Kurse abends statt. Wir hatten auch mal vormittags Kurse, aber dadurch, dass viele wieder arbeiten müssen, weil sie eben keinen Mutterschutz haben, können sie vormittags nicht teilnehmen.

 

In der ersten Stunde haben wir immer eine besondere Einheit. Das heißt wir haben eine Kennenlern-Einheit, in denen wir die Teilnehmer*innen und auch die Kinder kennenlernen. Diese Einheit ist sehr „viel“. Manchmal sehr bedrückend. Und häufig ist die erste Erkenntnis, dass man eben nicht alleine ist. Das es leider auch andere Betroffene gibt. Und so kommt es dazu, dass man sich in anderen Geschichten wiederfindet. Das heißt es sind viele Emotionen und Gefühle, die am ersten Tag dann auf einen zukommen. Gut ist, dass man zu Hause in einer geschützten Umgebung ist und sich nicht hinaus begeben muss. Nach der ersten Stunde muss alles immer etwas sacken, aber danach ist das Eis gebrochen. Anschließend wird es dann etwas „leichter“. Weil wir dann mit der Arbeit beginnen können. Also gibt es in der ersten Einheit auch kein Training, damit sich alle in Ruhe kennenlernen können. Aber der zweiten Einheit geht es dann wie oben beschrieben weiter, erst Trauerbegleitung, dann der Austausch und abschließend das Training.

 

Die Teilnehmer*innen bekommen auch immer Hausaufgaben von mir und Jeanette, damit man sich auch zwischen den Terminen damit auseinandersetzt. Das ist wichtig für den Trauerprozess und auch für den sportlichen Prozess. Da hilft es nicht, wenn man es nur einmal die Woche macht.

 

Insgesamt treffen wir uns so 8 Wochen lang und am Ende gibt es eine abschließende Runde auch mit Feedback. Gerade Musik ist hier auch oft ein Thema. Ich benutze mittlerweile viel akustische Musik, da man in viele Titel auch seine Sorgen, Ängste und Trauer reininterpretieren kann. Ich hatte beispielsweise zu Beginn aus Versehen ein Lied, welches häufig auf Beerdigungen von Sternenkindern gespielt wird. Und da war ich auch sehr dankbar für den Hinweis, damit ich nicht wieder in dieses Fettnäpfchen trete.

 

Nicht alle haben Mutterschutz. Was bedeutet das? Warum haben nicht alle Mutterschutz?

Weil man Mutterschutz nur hat, wenn das Kind entweder lebend geboren wurde, sprich es muss nur ein einziges Lebenszeichen vorhanden gewesen sein, wenn es über 500g wog oder es über die 24. Schwangerschaft hinausging. Es muss also im rechtlichen Sinne eine Person gewesen sein und wenn die Kriterien nicht erfüllt wurden, dann ist es das leider nicht und somit steht der Mutter auch leider kein Mutterschutz zu. Manchmal kommt es auf die Grammzahl oder auch die Hebamme, die dabei war an. Wie viel Gramm waren es, habe ich da ein Zucken oder ein Herzschlag gesehen oder eben auch nicht.

 

Jeanette als betroffene Sternenmutter wurde damals auch gefragt, was denn eingetragen werden soll, ob es eine lebende Geburt war oder nicht. Aber gerade als Betroffene hat man in dem Moment ja ganz andere Sorgen und weiß auch oft

nicht, dass das eben mit dem Anrecht auf Mutterschutz in Verbindung steht. Einige bekommen also keinen Mutterschutz und dann kann man hier nur mit Krankschreibungen arbeiten. Dabei ist das ja so ein traumatisches Erlebnis, welches sich natürlich auch auf die Arbeitsleistung auswirkt. Wir haben ganz gute Erfahrungen gemacht, wenn die Frauen tatsächlich eine

Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell machen und erstmal nur stundenweise starten.

 

Einige Frauen wissen sicher auch nicht, dass ihnen eine Rückbildung zusteht. Ab welcher Schwangerschaftswoche übernehmen denn die Krankenkassen die Rückbildung?

Rückbildung im klassischen Sinne bezieht sich ja auf einen Hebammen Arbeit, also ein Kurs der direkt von der Hebamme geleistet wird. Diese können wiederum mit der Krankenkasse abrechnen. Und hier kenne ich mich nicht so genau aus, da ich keine Hebamme bin und wir auch unseren Kurs anders abrechnen. Ich mache den sportlichen Teil und unsere Hebamme macht ja die Trauerbegleitung und das wird von der Krankenkasse nicht getragen. Somit ist unser Kurs erstmal ein Selbstzahler*innen Kurs. Aber es gibt die Möglichkeit, als Präventionskurs, einen Teil davon von der Kasse finanzieren zu lassen, aber das heißt dann in dem Sinne nicht Rückbildung.

 

Hast du eine Prozentzahl, in wie vielen Fällen, eine kleine oder stille Geburt vorkommt? Wie viele Frauen betroffen sind?

Ab der 24. Woche bis etwa ein Jahr nach der Geburt sind es jährlich ca. 8.000 Kinder in Deutschland.

Im Jahr haben wir in Deutschland ca. 800.000 Geburten im Jahr.

 

Wenn ich eine stille Geburt hatte. Wann kann ich dann mit der Rückbildung anfangen?

Das ist immer etwas schwierig das Pauschal zu beantworten. Wenn eine Schwangerschaft rund 40 Wochen geht, dann würde ich die ganz normalen Zeiten anwenden. Das kommt immer etwas auf die Art des Kurses an. Bei meinen Kursen gibt es beispielsweise immer erst ein paar Atemübungen ohne viel Anstrengungen, daher starte ich meist etwas früher als üblich.

Normalerweise sagt man so etwa 6 – 8 Wochen nach einer vaginalen Geburt. Und etwa 2 – 4 Wochen mehr für eine Geburt mit Kaiserschnitt. Wenn es eine Schwangerschaft war, wo es um die 20. Woche rum passiert ist, dann können auch mal nur ca. 3 Wochen dazwischen liegen.

 

Das Problem bei den Sternenmütter ist, dass sie gern direkt starten würden und nicht so lange warten möchten. Nicht unbedingt wegen der Rückbildung, sondern weil sie gern mit jemanden sprechen möchten. Es muss auch immer viel

organisiert werden und es ist auch nicht wirklich ratsam direkt nach der stillen Geburt damit anzufangen, aber so ca. nach 4 Wochen kann es dann losgehen.

 

Wenn ich Sternenmami bin und bei dir teilnehmen möchte, wie erreiche ich dich?

Ich habe eine Website: www.nona-fit.de und auf der Unterseite http://nona-fit.de/sternenkurse findet man alle Kurse, häufig Fragen, Feedback von anderen, die den Kurs bereits absolviert haben. Wir hoffen damit so etwas Licht ins Dunkel zu bringen, damit die Betroffenen wissen, was auf sie zukommt. 

 

Wenn ich jetzt als Fachperson Rückbildungskurse gebe und mich bewegt das Thema. Gibt es bei dir eine Ausbildung, damit ich ebenfalls Frauen bei diesem Thema unterstützen kann? Oder welche Möglichkeiten haben Fachpersonen?

Ich selber stand damals vor einer ähnlichen Frage. Ich habe mir gedacht, dass ich in Sachen Trauerbegleitung weder fachliche noch persönliche Erfahrung habe, mir deswegen Hilfe suche und daraus entstand die Zusammenarbeit mit Jeanette. Es gibt ein Verein der sich Hopesangel nennt, über den wir uns gefunden haben. Der Verein kümmert sich um verwaiste Eltern und stellt auch viele Information zum Thema Rechte zur Verfügung. Dort gibt es eine Übersicht über regionale Angebote. Die Leiterin Birgit Rutz war damals meine Ansprechpartnerin, als ich den Wunsch äußerte Sternenmütter zu betreuen aber

Unterstützung dabei brauche. Dadurch entstand dann die Verbindung zu Jeanette. Ich würde immer empfehlen das im Tandem zu machen, auch schon um eine eigenen Supervision zu haben. Und dazu sollte man auch immer eine entsprechende Fortbildung machen. Denn nur das Betroffen sein an sich, reicht meist nicht aus, um wirklich fachlich

weiterhelfen zu können. Da gibt es verschiedene Anbieter und unterschiedliche Angebote. Ich selber habe beispielsweise ja mittlerweile echt viel Erfahrung, die Trauerbegleitung traue ich mir dennoch nicht zu, da es ja eben nicht nur um den Austausch geht.

 

Empfehlen würde ich Hopesangel und auch Jeanette Sarrazin. Es wird auch Trainee Programm von uns angeboten, aber Hospitation in dem Sinne wollten wir nicht, da wir es unschön finden, auf einmal eine fremde Person in einen so

intimen Raum zu lassen. Bei dem Trainee-Programm ist man fester Bestandteil der Gruppe und ist dann bei jeder Sitzung dabei. Wir setzen uns vorher und nachher mit der Person zusammen und geben auch noch weitere Input. Was haben wir vor, was ist passiert? So, dass man eben richtig dabei ist und von echten Fachpersonen und Müttern lernt.

 

Gibt es abschließend noch etwas, was du den Sternenmamis noch mitgeben magst?

Ich würde gern mitgeben, dass ihr nicht alleine seid. Dass ich weiß, dass gerade am Anfang so viel auf einen einprasselt. Uns ist bewusst, dass es eine Überwindung ist, überhaupt erstmal anzufangen zu googeln. Sich Hilfe zu suchen, ist überhaupt kein Anzeichen von Schwäche, sondern zeugt eher von Stärke. Es ist natürlich eine unglaubliche Überwindung, die Welt dreht sich zwar weiter, aber die eigenen steht still. Aber holt euch Hilfe. Und wenn ihr das alleine nicht könnt, dann sucht euch Menschen, die euch auch bei den Recherchen unterstützen können.

 

Wenn euch ein Telefonat für den Anfang noch zu viel ist, dann meldet euch per E-Mail. Sich abzulenken oder zu verdrängen hilft nicht weiter, denn Trauer darf und muss ausgelebt werden. Viele Mütter haben auch immer Angst, dass ihr Kind um sie herum einfach vergessen wird. Und das ist auch das Schöne an unseren Gruppen, da diese auch über den Kurs hinaus bestehen und somit die Mütter nicht alleine sind und die Kinder zumindest in diesem Kreise definitiv nicht vergessen werden. Es ist einfach so wertvoll Menschen zu haben, die wissen wie es einem geht und es nachempfinden können.


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